Heileurythmie
Alle Lebewesen können sich charakteristisch ausdrücken, sich aussprechen kann nur der Mensch. Die Sprache hat eine prägende Kraft. Ist es nicht so, dass wir die Sprache eines Menschen fast erraten können, wenn wir seine Gestalt und sein Gebaren beobachten? Die Heileurythmie nutzt die formende Wirkung der einzelnen Laute und wendet sie gezielt nach innen.
Die technisierten Umwelt und der Wandel der Lebensgewohnheiten tragen dazu bei, dass wir uns immer weiter vom Leben entfernen und sich unsere Lebenskräfte zu wenig entfalten können. Die vielfältigen Bewegungsprozesse des menschlichen Organismus drohen zu vereinseitigen. Dadurch können das Gleichgewicht in den Auf- und Abbauprozessen des Organismus gestört und die Lebensfunktionen beeinträchtigt werden. Die Heileurythmie ermöglicht, die Tätigkeit der inneren Organe und die rhythmischen Vorgänge im Organismus anzuregen und zu stärken. Sie ist eine Bewegungstherapie und beruht auf den Lautgebärden der menschlichen Sprache. Ihre Grundlagen wurden 1921 aufbauend auf der künstlerischen und der pädagogischen Eurythmie von Rudolf Steiner entwickelt.
Eurythmische Gebärden sind nicht willkürlich erdacht, sondern drücken universelle Bewegungsgesetze aus, die die ganze Schöpfung durchziehen und auch der menschlichen Organisation gesundheitsfördernd und gesundheitserhaltend zugrunde liegen. Für den Körper bedeutet dies, dass er die in seinem Innenleben formende und gestaltende Kraft der Sprache kennen lernt und dadurch eine neue Belebung seiner Funktionen erfährt.
In der Heileurythmie wird die Aufmerksamkeit auf wenige Lautgebärden beschränkt; dabei werden Bewegungen zum gesprochenen Wort des Therapeuten gebildet. Es handelt sich vor allem um Bewegungsfolgen zu verschiedenen Lauten – jeder Laut hat seine eigene Grundgebärde – sowie um Bewegungen zu einfachen Sprachrhythmen. Beim Ertönen des Lautes "A", der die Qualität des Empfangens, des Bewunderns in sich birgt, öffnen sich die Stimmbänder, Rachen und Mund besonders weit, und entsprechend öffnen sich die Arme winkelförmig nach aussen, wie wir es spontan tun, wenn wir einen Menschen freudig empfangen oder etwas staunend bewundern.
Während mit den Vokalen hauptsächlich die seelischen Regungen zum Ausdruck gebracht werden, sind die Konsonanten mehr Spiegelbild naturhafter Bewegungen: Das "T" richtet auf, bringt etwas auf den Punkt, das "B" hüllt ein, hat eine beschützende Gebärde, und so ist in jedem Laut eine ganz bestimmte Qualität, eine bestimmte Gebärde verborgen. Ebenso können Bewegungen je nach Krankheit zu musikalischen Ton- und Rhythmenfolgen gebildet werden. Sind die geübten Lautgebärden dem Krankheitsbild und der seelischen Konstitution des Patienten angepasst, können solche Übungen organische Prozesse, die in ihrer geordneten Entfaltung gestört sind, gesundend ansprechen. Der Heilungsprozess wird durch konzentriertes Üben gefördert, wichtig ist, jede Übung auch seelisch beteiligt zu begleiten, bei sich zu sein.
Jede Krankheit will eine Wandlung bewirken
Die Übungen sind nicht so geartet, dass sie z.B. eine mangelhafte Körperfunktion unmittelbar beheben können; vielmehr erzeugen sie ein imaginäres Bild von der gesunden Funktion und rufen die funktionellen Lebenskräfte des Patienten auf, gemäss diesem Bild eine Wandlung des Kranken herbeizuführen.
Jede Heileurythmieübung hat ihre ganz spezifische Wirkung im Organismus. Deshalb darf sie auch nur aufgrund einer ärztlichen Diagnose gezielt verordnet und durch einen ausgebildeten Therapeuten begleitet werden. Die Zusammenarbeit mit der Ärzteschaft ist für den Heileurythmisten selbstverständlich.
Inzwischen liegt zu verschiedensten Krankheitsbildern z.B. der Augenheilkunde, Chirurgie, Inneren Medizin, Orthopädie, Pädiatrie, Psychiatrie, Gynäkologie, Zahnregulierung und zur Heileurythmie im Wochenbett ein breites Erfahrungsfeld vor. Bei vielen akuten und chronischen Erkrankungen haben sich heileurythmische Übungen sowohl in der klinischen als auch in der ambulanten Praxis als überaus wirksam erwiesen.